Vom Kettenhemd zum Knüpfel

Im Ritterhaus Bubikon lernt Gustavo etwas über Kreuzzüge, den Johanniterorden und die Waffe der Eidgenossen. Am meisten fasziniert ihn jedoch ein altes Handwerk.

«Uff!» Mehr als ein lautes Ächzen bringt Gustavo in diesem Moment nicht heraus. Soeben hat er versucht, ein Kettenhemd anzuheben. Und festgestellt, dass Ritter nicht nur tapfer, sondern auch erstaunlich kräftig gewesen sein müssen.

Zu dieser Erkenntnis gelangt Gustavo nur wenige Minuten nach Beginn der Kinderführung. am Tag der offenen Tür des Ritterhauses Bubikon, die Gustavo Anfang Juni besucht. «Isch dä Maa en ächte Ritter?», lautet seine erste Frage, während er auf den Mann mit schwarzem Umhang und weissem Kreuz auf der Brust zeigt, der voraus durch die mittelalterlichen Räume eilt. Er nennt sich Ritter Kurt und weiss allerhand. Er zeigt Schwerter, Schilde, Helme und später eine Hellebarde. Letztere ist die berühmte Waffe der Eidgenossen und sieht aus, als hätte jemand Speer, Axt und Dosenöffner zu einem einzigen Werkzeug kombiniert. Doch noch mehr Eindruck hinterlässt das Kettenhemd. Dass Menschen freiwillig so etwas Schweres getragen haben sollen, erscheint Gustavo schwer vorstellbar.

Dabei ist das Ritterhaus selbst schon beeindruckend genug. Die Anlage gehört zu den besterhaltenen Johanniterhäusern Europas. Vor über 800 Jahren erhielt der Johanniterorden das Haus als Schenkung und baute es über die Jahrhunderte weiter aus. Die Johanniter waren ursprünglich eine Spitalgemeinschaft im Heiligen Land und kümmerten sich um kranke Pilger. Später wurden sie zu einem Ritterorden. Auch in Bubikon lebten Ritter, Geistliche und Verwalter. Von hier aus organisierten sie ihre Besitzungen im Zürcher Oberland.

Das Ritterhaus ist kein Ort der Märchen und Sagen – auch wenn solche Geschichten im Rahmen besonderer Veranstaltungen ebenfalls ihren Platz haben. Das Museum vermittelt Geschichte anschaulich und konkret. Vieles darf angefasst, ausprobiert oder aus nächster Nähe betrachtet werden. Natürlich kommen dabei auch die Kreuzzüge zur Sprache. Über mehrere Jahrhunderte reisten Ritter aus ganz Europa ins Heilige Land. Ritter Kurt erzählt jedoch Dinge, die man in Ritterfilmen eher selten erfährt. Auf den langen Reisen seien die Ritter meist gar nicht in ihren schweren Rüstungen unterwegs gewesen. Die wurden auf Ochsenkarren transportiert. «Eigentlich waren sie oft eher im T-Shirt unterwegs», sagt er. So stolz und stattlich, wie auf vielen Gemälden, seien die Reiterscharen in Wirklichkeit häufig gar nicht gewesen. Gustavo schaut kurz auf das Kettenhemd. Nach dessen Gewicht zu urteilen, erscheint ihm diese Strategie durchaus vernünftig.

Während der Führung geht es durch die historischen Räume. Besonders lange bleibt Gustavo in der Komturstube stehen. Auf den Wänden sind Burgen aus der Umgebung verewigt. Einige davon erkennt er sogar wieder. Für einen Moment wirkt die grosse Stube wie eine mittelalterliche Landkarte des Zürcher Oberlands. Ein paar Räume weiter, im Rittersaal, wird an diesem Tag auch gefochten. Schwerter kreuzen sich, Kinder schauen gebannt zu, und für einen Moment scheint die Ritterzeit gar nicht so weit entfernt.

So auch Gustavo. Mit Schutzbrille ausgerüstet macht er sich unter Anleitung an einen grossen Sandsteinblock zu schaffen. In der einen Hand hält er den Fäustel, einen kurzen, schweren Steinmetzhammer. In der anderen den Spitzmeissel. Später kommt noch der Knüpfel dazu, ein hölzerner Hammer für feinere Arbeiten. Mit jedem Schlag lösen sich kleine Stücke aus dem Stein. Bald fliegen die Splitter so unablässig durch die Gegend, dass sich Museumsleiterin Florence am Bistrotisch daneben vorsichtshalber ebenfalls eine Schutzbrille aufsetzt. Während sie über Johanniter, Statthalter und Klosterbiere erzählt, arbeitet Gustavo unbeirrt weiter. Später versucht er sich sogar an ersten Gravuren.

Am Ende des Nachmittags steht fest: Die Schwerter waren spannend. Die Helme auch. Das Kettenhemd sowieso. Doch am meisten beeindruckt hat ihn der Stein. Vielleicht liegt das auch daran, dass Sandstein Geschichten speichert. Das Haus ist geblieben. Viele Namen seiner Bewohner nicht. Gustavo arbeitet bereits an einer möglichen Lösung. Nach mehreren Stunden mit Fäustel, Spitzmeissel und Knüpfel hat er begonnen, Buchstaben in den Sandstein zu gravieren.

Seine Beharrlichkeit sichert ihm schliesslich eine Schnupperlehre beim Steinmetz Winiger in Hombrechtikon. In zwei Wochen darf er dort einen Nachmittag lang weitermeisseln. Sein Kreuzzug für echtes Handwerk hat begonnen. Im Auto auf der Heimfahrt schläft er sofort ein.

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Von Adrian Schräder am 11. Juni 2026 veröffentlicht.

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