Hochaktuelles Theater- und Puppenspiel

Fantastisch, schonungslos, hochaktuell: Am Theater Neumarkt ist noch diese Woche das facettenreiche Stück der Peruanerin Daniela Ortiz zu sehen.

Daniela Ortiz hat offenbar keine Angst davor, den Finger in die Wunde zu legen. Die bildende Künstlerin ist bekannt für ihre antirassistischen und antikolonialen Arbeiten mit fantasie- und humorvoller Bildsprache. Und diese spielt sie in ihrer ersten Zusammenarbeit «Take my blood and write on the soil…» mit dem Theater Neumarkt ganz und gar aus.

Das Stück behandelt eine gute Handvoll hochaktueller Themen. Etwa Postkolonialismus, Rassismus sowie die Kritik am «weissen Feminismus». Einerseits vor dem historischen Hintergrund des Cromotex-Massakers 1979 in Lima, wo sechs Textilfabrikarbeiter von der Polizei ermordet wurden. (Der Titel des Stücks ist eine Anlehnung an das Zitat einer der Arbeiter, kurz vor seinem Tod.) Andererseits vor den aktuell in ganz Peru stattfindenden Protesten gegen die neue rechte Regierung und deren Präsidentin Dina Boluarte.

Ausgehend davon entwickelte Ortiz ein Stück aus vier «Bildern», wie das Theater schreibt: «Im ersten Bild konfrontiert ein Textilarbeiter aus dem Globalen Süden das Publikum mit seiner Wut. Im zweiten schwadroniert sich eine westliche Politikerin, allegorische Figur des ‘weissen’ Feminismus, in Rage. Im dritten singt ein Chor ausgebeuteter Pflanzen, die sich dem Widerstand angeschlossen haben. Das vierte und letzte Bild zeigt politische Aktivität als Organisation, als Disziplin, als Arbeit. Das Stück verneigt sich sinnbildlich vor den Arbeiter:innen, die ihren Kampf mit dem Leben bezahlten, sowie den Protestierenden, die jetzt auf Perus Strassen ihrem Vorbild folgen.»

«Take my blood and write on the soil, the people must know that we are taken prisoners» ist schonungslos. Poetisch. Hart. Emotional. Pointiert. Und voller Zwischentöne. Das Ensemble bewegt sich leichtfüssig und unmittelbar durch sämtliche Spielformen: ob in Monologen, im Masken- oder Puppenspiel.

«They tried to bury us, but they didn’t know we were seeds.» Mit diesem ikonischen Satz endet das Stück. Also nein, Ortiz legt den Finger nicht nur in die Wunde. Sie drückt ihn hinein. Und das am Theater Neumarkt zu erleben, mag nicht nur einfach sein, ist jedoch äusserst wertvoll, sowohl künstlerisch als auch politisch.

Fotos (c) Philip Frowein

Von Gabriella Alvarez-Hummel am 20. Februar 2023 veröffentlicht.

Mehr von unseren Scouts

Highlights unter den Nominierten für den Schweizer Filmpreis 2026
12.02.2026

Highlights unter den Nominierten für den Schweizer Filmpreis 2026

Rebellion, Care-Arbeit, Krieg und Identität: Die Nominierten erzählen von einer Gegenwart im Ausnahmezustand.

Nora Kehli
Nora Kehli
Filmtipps für den Mai
07.05.2026

Filmtipps für den Mai

Zwischen queerer Filmgeschichte, politischem Dokumentarfilm und experimentellen Bildwelten.

Nora Kehli
Nora Kehli
«Wir wollen das Gemeinsame suchen»
21.05.2026

«Wir wollen das Gemeinsame suchen»

Marah Rikli ist Gesamtleiterin des feministischen Kunstfestivals KIN. Rund um das Datum des feministischen Streiks wird an den verschiedensten Orten das Gemeinsame zelebriert.

Eva Hediger
Eva Hediger

Mehr von deinen Scouts

David Suivez
David Suivez
Rebekka Bräm
Rebekka Bräm
Michèle Bischoff
Michèle Bischoff
Enno Rennenkampff
Enno Rennenkampff
Daniela Bär
Daniela Bär
Tine Milz
Tine Milz
Alle Scouts