Ein Spektakel – Ein Fest – Ein Musical

Redaktion Kyros Kikos
Redaktion Kyros Kikos

«Riesenhaft in Mittelerde» zelebriert J.R.R. Tolkiens Fantasy-Klassiker «Der Herr der Ringe» im Schiffbau als knalliges Jahrmarktsspektakel.

Schon beim Einlass wird klar, dass der Abend mit gewohnter Theateratmosphäre wenig am Hut haben wird. Da ist nicht einfach eine Bühne mit Bühnenbild, vielmehr hat sich die sonst recht spröde Schiffbauhalle feixend in eine schrullig-zauberhafte Schale geworfen. Einer Mischung aus begehbarer Dschungelinstallation, Fantasy-Erlebnispark und Mittelaltermarkt.

Buntes Treiben. Geschnatter. Hallo. Trallala. Ein Fest im Auenland. Das eintretende Publikum ist gleich mitten drin und hat Gelegenheit durch die märchenhafte Landschaft zu schlendern und die Nischen und Buden zu inspizieren, die allerliebst mit trashigem Trödel ausgestattet sind. In der «Taverne zum Crazy Horst» wird sogar Bier feilgeboten. Allerlei Gestalten wuseln durch die Menge, behelmt, bemalt, maskiert, kostümiert, übergeworfene Felle, wilde Bärte, manche tragen seltsame Puppen und Figuren herum, andere Kameras, deren Bilder auf diverse Leinwände geworfen werden.

Irgendwann stimmt das bunte Volk von Mittelerde einen liturgisch anmutenden Chorgesang an und bewegt sich aus dem Tohuwabohu heraus auf den zentralen «Marktplatz» zu. Nachdem sich alle, ihre jeweiligen Rollen und ihr Verhältnis zu Tolkiens Fantasy-Saga anekdotisch vorgestellt haben, beginnt die zweistündige Reise nach Mordor mit dem Ziel der Zerstörung des unheilvollen Rings.

Das Theater HORA aus Zürich, dessen Ensemble ausschliesslich aus Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung besteht und mittlerweile zu den bekanntesten freien Theatergruppen der Schweiz zählt, das Berliner Puppenspiel-Kollektiv «Das Helmi» und Mitglieder des Schauspielhaus-Teams, inklusive Intendanz, haben gemeinsam eine Version von «Der Herr der Ringe» hervorgebracht, die sich wenig um dramatische Nacherzählung schert.

Nur einige fragmentierte Teile der Handlung werden dargeboten. Meist parodistisch, hie und da auch als vorgefertigte Videoeinspielungen. Manchmal werden verbindende Schlüsselmomente einfach vorgelesen. Das ist oft witzig, manchmal auch ergreifend, für das Verständnis der Geschichte ist es allerdings von Vorteil, mit Roman oder Kino-Trilogie vertraut zu sein.

Buch- und Filmvorlage dienen nicht der bühnentauglichen Rekonstruktion des Plots Sie sind  Ausgangspunkt für ein inklusives Spektakel. Ziel der Melange aus Raum, Aktion, Musik (vom Choral bis Heavy Metal), Puppenspiel, Lichteffekte und Projektionen ist die festliche Atmosphäre des Miteinander. Der Stimmung einer gelungenen Party gleich, die, obwohl nichts Weltbewegendes passiert, auch nach Stunden nicht langweilt, aber den heitere Gästen Gelegenheit und Muse bietet, im entzückten Plauderton, grundlegende Fragen zu erörtern:

Sind Orks nur böse? Haben sie Familie? Und ein Fotoalbum? Warum sind die Ring-Gefährten alle männlich? Sind 2000jährige Elbtöchter nicht wie menschliche Teenies «Pah, Papi, du bist ja so peinlich»? Dürfen Zwerge riesig sein? Warum haben Bäume keine Freunde? Ist es nicht ein Vergnügen, Gast zu sein bei einer Gruppe Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Voraussetzungen, An- und Absichten und dabei der lustvollen Umsetzung ihres gemeinsamen Projekts beizuwohnen?

Von Kyros Kikos am 04. Mai 2023 veröffentlicht.

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